Havariertes Containerschiff blockiert Sueskanal

Veröffentlicht: 12:09, 26. Mär. 2021 (CET)
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Sues (Ägypten), 26.03.2021 – Das vierhundert Meter lange und sechzig Meter breite Containerschiff „Ever Given“, das sich am vergangenen Dienstag im Sueskanal unweit der Hafenstadt Sues festgefahren hat, blockiert auch weiterhin die Durchfahrt. Trotz Zuhilfenahme mehrerer Schlepper scheiterte der Versuch, das Schiff freizuschleppen. Inzwischen stauen sich mehr als 150 Schiffe. Zwölf Prozent des Welthandels werden durch den Kanal befördert. Täglich fahren etwa 50 Schiffe durch den Kanal, um sich den Weg rund um Afrika zu ersparen. Dieser dauert etwa eine Woche länger.


Satellitenbild: ESA Copernicus Sentinel 2

Das unter panamesischer Flagge fahrende Schiff war am Dienstagmorgen (23. März) in nördlicher Richtung in den Sueskanal eingefahren, als es sich mit dem Bug in das Ostufer des Kanals bohrte. Durch den Schwung legte es sich quer, und das Heck verklemmte sich am westlichen Ufer. Bis jetzt gibt es keine ofiziellen Angaben zu Ursachen der Havarie. Zum Zeitpunkt des Unglücks fegte ein Sandsturm über das Gebiet, sodass schlechte Sicht und Seitenwind genauso zu den möglichen Ursachen zählen wie technisches oder menschliches Versagen.

Die Evergreen Marine gehörende und von der Reederei Shoei Kisen vermarktete „Ever Given“ soll erhebliche Schäden davongetragen haben. In Branchenkreisen wird eine Summe von 100 bis 140 Millionen Dollar alleine für die Schäden an Rumpf und Maschinerie genannt. Durch die Blockade der für den weltweiten Warenverkehr wichtigen Wasserstraße entstehen erhebliche Mehrkosten und Zeitverluste. „Alles fällt auf das Schiff zurück“, sagte David Smith vom Versicherungsbroker McGill and Partners.

Holger Lösch, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), warnte: „Zentrale Lieferketten geraten aufgrund mangelnder Container, unpünktlicher Schiffe und fehlender Transportkapazität ins Stocken, während die Kosten steigen.“

Inzwischen hat das niederländische Bergungsunternehmen Smit Salvage gegenüber dem Spiegel bestätigt, dass es damit beauftragt wurde, die „Ever Given“ flott zu machen. Das werde nicht einfach. Ein von der Deutschen Presseagentur veröffentlichtes Bild zeigt einen Bagger, der den Bug des Containerschiffs teilweise freigebaggert hat. Daraus lässt sich schließen, dass sich der Wulstbug des Schiffes etliche Meter tief in das Kanalufer gebohrt hat.

Schlagzeilen macht das Containerschiff inzwischen auch, weil die Trackingdaten des Schiffes nahelegen, dass die Besatzung auf der Brücke beim Warten auf die Durchfahrt ein Penisbild ins Meer „gezeichnet“ hat. Nach Angaben von Vesselfinder.com handle es sich nicht um einen verfrühten Aprilscherz. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass Schiffe, die auf die Einfahrt warten, vorher herummäandern,“ sagte ein Sprecher von Bernhard Schulte Shipmanagement dem Spiegel.

Das Containerschiff der „Golden Class“ mit 224.000 Tonnen war in China beladen worden und nach einem Zwischenstop in Tanjung Pelepas an der Straße von Malakka auf dem Weg nach Rotterdam.

Die Blockade wirkt sich negativ auf den weltweiten Containerverkehr aus. Die Frachtkosten für einen Container stiegen während auf das sechsfache, der Neupreis für einen Container stieg um mehr als fünzig Prozent. Der Luftfrachtverkehr ist wegen der durch die COVID-19-Pandemie stark zurückgegangenen Zahl von Passagierflügen, denen Luftfracht beigeladen werden kann, an der Kapazitätsgrenze und hat sich deswegen stark verteuert. Leere Container stapeln sich in Europa und den Vereinigten Staaten, weil sie wegen der Pandemie nicht schnell genug umgeschlagen werden. „So etwas habe ich noch erlebt. Alle Glieder der Lieferkette sind überdehnt, die Schiffe, die Lastwagen, die Lagerhäuser“, sagte Lars Mikael Jensen, ein Manager beim Logistik-Konzern Maersk.

Nach Angaben des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) werden 16 Prozent der deutschen Chemieimporte durch den Sueskanal transportiert. Der Rohölpreis in Rotterdam erhöhte sich nach dem Bekanntwerden der Blockade um sechs Prozent. Die Börsenkurse der Reedereien fielen. Die Aktie des Marktführers Maersk verlor am Tag der Havarie neun Prozent.

Doch löst ein Freischleppen des Containerschiffes die Probleme der Reedereien zunächst nur bedingt, weil dann zuviele Schiffe gleichzeitig die Häfen in Europa erreichen. Deswegen haben einzelne Reedereien ihre Schiffe bereits auf den rund 6000 Kilometer längeren Weg um das Kap der Guten Hoffnung geschickt.

Die ägyptische Regierung geht davon aus, dass die „Ever Given“ bis spätestens am Sonntag freigeschleppt ist. Das sagte Mohab Mamisch, der ehemalige Direktor der Sueskanalbehörde, der den ägyptischen Staatspräsidenten Abdel Fattah al-Sisi in Fragen der Seehäfen berät. Doch nach Peter Berdowski, dem CEO von Royal Boskalis Westminster, der Muttergesellschaft von Smit Salvage, könne es „Tage oder Wochen“ dauern, das querliegende Schiff in Gang zu setzen. Das sagte Berdowski im niederländischen Sender Nieuwsuur.

Durch Abpumpen von Treibstoff und Ballastwasser könnte das Schiff um bis zu 10.000 Tonnen leichter gemacht werden, doch die Zeit drängt. Die Bergungsexperten setzen darauf, dass wegen der kommenden Springflut am Sonntag und Montag der Wasserstand im Kanal bis zu 46 Zentimeter höher sein wird. Sollte dieser Versuch scheitern, sagte Nick Sloan vom amerikanischen Bergungsunternehmen Resolve Marine Group, sei das nächste Zeitfenster erst in 12 bis 14 Tagen. Sollte es notwendig werden, das Containerschiff teilweise zu entladen, müssten ein Spezialschiffskran oder Hubschrauber nach Ägypten gebracht werden. All das würde Wochen dauern. „Die Frage ist, wie tief sie sich in die Ufer eingegraben hat“, sagte Martijn Schuttevaer, der Sprecher von Royal Boskalis Westminster.

Es ist erst das fünfte Mal in der Geschichte des 1869 fertiggestellten Kanals, dass die Durchfahrt nicht möglich ist. Am längsten war der Kanal nach dem Sechstagekrieg von 1967 bis 1975 geschlossen. Fünfzehn Schiffe lagen damals im Großen Bittersee fest, weil die Kanaleinfahrten vermint waren.


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