Chinesische Internetfirmen wollen an die Börse

Veröffentlicht: 18.03.2014, 01:25 (CET)
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New York (Vereinigte Staaten), 18.03.2014 – Das chinesische Internetunternehmen Sina hat an der Börse in New York den Börsengang (engl. Initial Public Offering, kurz IPO) seiner Mikrobloggingtochterfirma Weibo beantragt. Das soziale Netzwerk Facebook und der Nachrichtendienst Twitter, die bereits beide an der Börse sind, sind in China durch die staatliche Zensur praktisch unzugänglich, was den einheimischen Konkurrenten große Vorteile verschafft. Chinas Internetgemeinde wird auf etwa 500 Millionen Nutzer geschätzt, und Sina Weibo nimmt für sich in Anspruch, dass die Hälfte davon dort registriert sei. Weibo ist zwar die chinesische Bezeichnung für Mikroblog, von denen es noch andere in China gibt, sie ist aber zum Synonym für Sina Weibo geworden, und es zieht in der Tat in China große Zahlen von Nutzern an. Die Schauspielerin Yao Chen hat rund 58 Millionen „Fans“ auf Weibo und Lee Kai-fu, der frühere Präsident von Google-China, hat 51 Millionen Anhänger. Im Vergleich dazu hatten im Februar 2014 die weltweit beliebtesten Persönlichkeiten auf Twitter, Katy Perry und Justin Bieber, knapp 50 Millionen „Fans“. Der US-Präsident Barack Obama kommt auf knapp über 41 Millonen und erreicht damit nur etwas mehr als der Popstar Lady Gaga.

Es sind aber nicht unbedingt die Personen mit den meisten Anhängern, die für Aufruhr mit ihren Beiträgen bei Weibo sorgen. So hat der Unternehmer Pan Shiyi nur etwa 1,6 Millonen Anhänger, aber seine Veröffentlichung der Feinstaubbelastung, die die amerikanische Botschaft in Peking feststellte, führte dazu, dass diese Zahlen nun in allen größeren Städten Chinas von chinesischer Seite veröffentlicht werden. Den ansonsten allmächtigen und alles kontrollierenden chinesischen Behörden sind derartige Vorgänge ein Dorn im Auge, und sie haben den Internetdienst 2013 wiederholt unter starken Druck gesetzt. So gilt nun ein Gesetz, nach dem es strafbar ist, „bösartige Gerüchte“ im Internet zu verbreiten. Dabei bestimmt der Staat dann jeweils, ob eine Nachricht verurteilenswert ist, und wenn sie mehr als 5.000-mal verbreitet wurde, hat sich der Urheber nach dem Gesetz strafbar gemacht. Dieses Gesetz hat den Nachrichtenfluss bereits deutlich eingeschränkt. Aber auch nur, die eigene Meinung zu verbreiten, kann einem Probleme bereiten. Euphemistisch spricht man in China von einer „Einladung zum Tee“, wenn man von den Behörden vorgeladen wird, weil sie einen verwarnen sollen. Die Popsängerin Annie Yi beispielsweise war 2013 davon betroffen, weil sie die regierungskritische Zeitung Southern Weekly mit ihren Weibobeiträgen unterstützte und sich dann noch für die Familie eines von staatlichen Sicherheitskräften getöteten Markthändlers, dessen Tod großes Aufsehen in China erregte, auf Weibo einsetzte. Der Unternehmer Charles Xue, der sowohl amerikanischer als auch chinesischer Staatsbürger ist, wurde, so sagen seine Anhänger, in eine Falle gelockt, so dass man ihm den in China verbotenen Umgang mit Prostituierten vorwerfen konnte und ihn darauf hin zu einer öffentlichen Selbstbeschuldigung für die Verbreitung „unverantwortlicher Informationen im Internet“ zwang. Xue hat eine Fangemeinde von rund 12 Millionen Menschen auf Weibo.

Derartige Maßnahmen sind mit dafür verantwortlich, dass die Nutzerzahl von Weibo im letzten Jahr um etwa 28 Millionen sank. Die Chat-App WeChat, das chinesische Gegenstück zu WhatsApp, konnte dabei scheinbar von diesem Rückgang bei Weibo profitieren, ihre Nutzerzahlen sind 2013 gewachsen. Bei WeChat konnte man bis Donnerstag, den 13. März 2014, noch eine ganze Reihe so genannter öffentlicher Nachrichtenkanäle verfolgen, deren Inhalt als liberal zu bezeichen war, doch seit dem sind sie ohne Vorwarnung dort gelöscht worden. Ob es reine Unternehmenspolitik, vorauseilender oder wirklicher Gehorsam gegenüber den Behörden war, bleibt dabei offen. Internetnutzer äußerten in jedem Falle ihr Missfallen über den Vorgang. Es wird darum im Zusammenhang mit dem Börsengang nun auch die Frage gestellt, ob und wie Weibo seine Nutzerzahl und damit den Profit aus Werbung auf Dauer wird halten bzw. ausbauen können. Weibo hat für 2013 einen Zuwachs der Werbeeinnahmen um 163 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf nun 56 Millionen US-Dollar vermeldet.

Hauptverwaltung der Alibaba Group in Hangzhou

Ein wichtiges Wachstumsfeld im chinesischen Internet ist der Onlinehandel, und das Unternehmen Alibaba hat im letzten Jahr 18 Prozent von Sina-Weibo übernommen, was dessen Nutzern den Einkauf auf den betreffenden Handelsplattformen enorm erleichtert. Die chinesische Zentralbank hat nun, wie sie sagt, „vorläufig“ die Pläne von Alibaba, gemeinsam mit dem Internetunternehmen Tencent den Internethandel mit so genannten „virtuellen Kreditkarten“ einfacher zu gestalten, gestoppt, was die chinesische Börse am Freitag, dem 14. März, mit einem allgemeinen Kursrückgang beantwortete. Ungeachtet dessen wurde am Sonntag, den 16. März bekannt, das die Alibaba Group alle für ihren Börsengang in New York nötigen Formalitäten geregelt hätte, nachdem man vorher auch mit den Börsen in Hong Kong und London in Verhandlungen stand. Ein Datum für den Börsengang, der von Morgan Stanley und Credit Suisse vorbereitet werden soll ist noch nicht bekannt, ebenso wie es nur Spekulationen über den Börsenwert gibt. Die Summe von 15 Millionen US-Dollar, die in diesem Zusammenhang genannt wird, ist dabei nur unwesentlich kleiner als die 16 Millionen, die für Facebook erzielt wurden. Aber anders als Facebook ist die Alibaba Group bereits in der Gewinnzone mit einem Mix aus Angeboten, der sowohl Plattformen, die an Amazon, wie auch Ebay erinnern, umfasst. Hinzu kommt der Bezahldienst Alipay und seit neuestem eine Taxibuchungsapp für das Smartphone mit Namen „Kuaidi Dache“.

Besonders das Taxibuchungssystem hat in letzter Zeit für Aufsehen in China gesorgt, denn die chinesische Internetfirma Tencent bietet eine ähnliche App an und beide kämpfen im Augenblick mit großen Rabatten, die sie Nutzern für jede über das jeweilige System gebuchte Fahrt bieten und Prämien für die Fahrer in großen Städten wie Shanghai oder Peking um den Markt. Das Taxibuchungssystem ist aber nicht nur wegen der Rabatte umstritten, die sich nicht auf Dauer werden etablieren können, sondern auch weil man in China traditionell keine Taxistände findet und Taxis so zahlreich auf allen Straßen verkehren, dass man sie einfach heranwinkt, wenn man eines benötigt. Taxifahrer neigen nun aber dazu, den Fahrgästen mit der Taxiapp den Vorzug zu geben, da diese für sie lukrativer sind, was Menschen ohne diese App benachteiligt. Die Städte versuchen nun wieder einen gleichberechtigten Zugang zu Taxis zu ermöglichen, indem sie Strafen für das Ignorieren von potentiellen Fahrgästen am Straßenrand, das zeitweilige Verbot der Nutzung der Taxiapps zu Hauptverkehrszeiten oder auch Taxistände einrichten. Ob die Taxiapp damit wirklich eine Revolution im öffentlichen Personenverkehr für China bedeutet oder nur ein für die Unternehmen kostspieliges und für die Nutzer kurzlebiges Experiment ist, ist zurzeit noch völlig offen.

Über den Börsenwert von Sina-Weibo und die Zahl der auszugebenden Aktien gab es ebenfalls große Spekulationen. Demnach sollte das Unternehmen mit 8 Milliarden US-Dollar bewertet werden, was es deutlich über seiner Konzernmutter Sina platzieren würde, die mit 5 Milliarden US-Dollar bewertet wird. Es wurde jetzt bekannt gegeben, dass man unter der Leitung der Investmentbank Goldman Sachs und der Großbank Credit Suisse 500 Millionen US-Dollar mit dem Börsengang erzielen wolle. Diese Zahl diene alleine dazu, die Gebühren für den Börsengang zu berechnen, wurde dabei betont. Die Unsicherheit der künftigen Geschäftsentwicklung und die damit verbundene Schwankung im Wert des Unternehmens wurde dabei von Sina bei der Ankündigung des Börsenganges deutlich betont.


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